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Portugals größte Stärke war jahrelang ein Mann. Jetzt muss ein System diese Lücke füllen — und das könnte sogar besser funktionieren. Cristiano Ronaldo hat sich nach der EM 2024 aus dem Nationalteam zurückgezogen, und zum ersten Mal seit 2003 fährt Portugal ohne seinen Rekordtorschützen zu einem großen Turnier. Was für viele nach einer Schwächung klingt, ist in Wahrheit eine Befreiung: Das Team kann endlich als Kollektiv agieren, ohne jeden Angriff über einen einzigen Spieler zu kanalisieren. Portugal bei der WM 2026 — das ist der Beginn einer neuen Identität, die auf Kadertiefe statt auf Starkult setzt.
Ich beobachte Portugal seit Jahren mit besonderem Interesse, weil die Mannschaft ein Paradox verkörpert: individuell auf Weltklasse-Niveau, aber bei Turnieren regelmäßig unter den Erwartungen bleibend. Der EM-Titel 2016 — gewonnen mit einer defensiven Grundordnung und dem Glück des Tüchtigen — bleibt der einzige große Titel. Seitdem: Achtelfinale 2018, Achtelfinale 2022, Viertelfinale 2024. Die Frage für 2026 lautet: Kann das Team ohne Ronaldo endlich das Potenzial abrufen, das der Kader seit Jahren verspricht?
Kader im Übergang: Wer tritt in Ronaldos Fußstapfen?
Einen Spieler mit 130 Länderspiel-Toren zu ersetzen ist unmöglich — also hat der Trainer es gar nicht erst versucht. Statt einen neuen Zielspieler zu installieren, hat Portugal das Offensivsystem umgebaut: Von einem Star-zentrierten 4-3-3 zu einem kollektiven 4-2-3-1, in dem die Torgefahr aus mehreren Quellen kommt. Rafael Leão auf dem Flügel, Bruno Fernandes als Zehner, Bernardo Silva als Spielmacher, João Félix als falsche Neun — vier Spieler, die bei ihren Vereinen Stammspieler in europäischen Topligen sind und die zusammen die Torgefahr erzeugen sollen, die vorher von einem einzelnen Spieler kam.
Rafael Leão ist der Spieler, dem die meisten Beobachter die Ronaldo-Nachfolge zutrauen. Bei der AC Mailand hat er sich zum schnellsten Flügelspieler der Serie A entwickelt — seine Sprint-Geschwindigkeit von 36,2 km/h ist die höchste aller WM-Teilnehmer. Seine Dribblings öffnen Räume, die andere Spieler nicht sehen, und sein Abschluss hat sich in den vergangenen zwei Jahren merklich verbessert. Das Problem: Leão ist inkonstant. An guten Tagen ist er unspielbar, an schlechten Tagen unsichtbar. Bei einer WM, wo jedes Spiel zählt, ist diese Inkonstanz ein Risiko, das der Trainer managen muss.
Bruno Fernandes bringt als Zehner die Kreativität und die Standardstärke mit, die Portugal bei Turnieren braucht. Seine Freistöße und Ecken sind auf Weltklasse-Niveau, seine Fähigkeit, Steilpässe in die Spitze zu spielen, gibt dem Angriff die nötige Vertikalität. Im Mittelfeld stehen mit Vitinha, Rúben Neves und João Palhinha drei Spieler, die in der Premier League und bei europäischen Topklubs Stammspieler sind — eine Kadertiefe, die nur Frankreich und England übertrifft.
Die Defensive ist Portugals traditionelle Stärke und wird auch 2026 das Fundament sein. Rúben Dias und António Silva bilden eine Innenverteidigung, die Stabilität und Aufbauspiel vereint. Dias‘ Erfahrung bei Manchester City — vier Premier-League-Titel, eine Champions League — gibt der Abwehr eine Gelassenheit, die bei Turnieren unbezahlbar ist. Dahinter steht Diogo Costa im Tor, der sich bei der EM 2024 als Elfmeterkiller einen Namen machte und seitdem zum konstantesten Torhüter der Primera Liga gereift ist.
Taktik: Vom Ein-Mann-Team zum Kollektiv
Der Trainerwechsel nach der EM 2024 markierte den eigentlichen Beginn der neuen Ära. Der neue Coach brachte ein System mit, das nicht mehr auf einen einzelnen Starspieler zugeschnitten ist, sondern auf Positionsspiel, Pressing und kollektive Balleroberung. Die Pressing-Intensität hat sich im Vergleich zur Ronaldo-Ära um 40 Prozent erhöht — ein dramatischer Anstieg, der zeigt, wie sehr das alte System von Ronaldos fehlender Defensivarbeit gebremst wurde.
Das neue 4-2-3-1 basiert auf schnellen Flügelwechseln zwischen Leão links und Bernardo Silva rechts, mit Bruno Fernandes als Verbindungsspieler im Zentrum und einer flexiblen Spitze, die je nach Gegner rotiert. João Félix, Gonçalo Ramos und Diogo Jota teilen sich die Rolle als Mittelstürmer — keiner ist gesetzt, alle bringen unterschiedliche Qualitäten mit. Diese Rotation hält den Kader frisch und den Gegner im Unklaren über die Aufstellung.
Für Wettende relevant: Portugals neue taktische Identität macht das Team unberechenbarer als in der Vergangenheit. Die Zeiten, in denen man sicher sein konnte, dass Ronaldo 90 Minuten auf dem Platz steht und jeder Angriff über ihn läuft, sind vorbei. Das bedeutet: Die Quoten-Modelle der Buchmacher, die auf historischen Daten basieren, unterschätzen Portugals neue Variabilität. Wer auf Portugal-Spezialwetten setzt, findet in dieser Übergangsphase Value, weil der Markt die taktische Evolution noch nicht vollständig eingepreist hat.
Gruppe K: Kolumbien als einzige Hürde?
Portugals Gruppe K mit DR Kongo, Usbekistan und Kolumbien bietet eine klare Hierarchie: Portugal und Kolumbien als Favoriten, die restlichen beiden als Außenseiter. Das Spiel Portugal gegen Kolumbien wird das Topduell der Gruppe sein — und ein ernsthafter Test für das neue System. Kolumbien hat in der CONMEBOL-Qualifikation beeindruckende Leistungen gezeigt und verfügt mit Luis Díaz und James Rodríguez über Offensivspieler, die jeden Gegner in Schwierigkeiten bringen können.
Meine Prognose: Portugal qualifiziert sich als Gruppen-Erster oder -Zweiter, mit sieben bis neun Punkten. Das Kolumbien-Spiel wird eng — möglicherweise ein 1:1. Gegen DR Kongo und Usbekistan erwarte ich souveräne Siege, die dem Team Selbstvertrauen für die K.o.-Runde geben.
Quoten und Insider-Einschätzung
Portugals Turniersieger-Quote liegt bei 12.00 bis 15.00 — ein Bereich, den ich für fair bis leicht zu hoch halte. Mein Modell ergibt eine Titelwahrscheinlichkeit von 6 bis 8 Prozent, was mit der Marktbewertung übereinstimmt. Portugal ist stark genug für das Viertelfinale, aber die Kadertiefe reicht nicht für sieben Spiele gegen die Weltspitze. Die taktische Neuausrichtung nach Ronaldo braucht noch ein weiteres Turnier, um vollständig zu reifen.
„Portugal erreicht das Viertelfinale“ bei 1.80 bis 2.00 ist mein bevorzugter Markt — die Kaderqualität und die Gruppenrealität machen das Viertelfinale zum wahrscheinlichsten Endpunkt. „Leão unter den Top-5-Torschützen“ bei 12.00 ist ein spekulativer Markt mit Reiz, den ich aber nur mit kleinem Einsatz spielen würde.
Meine Einschätzung: Portugal wird bei dieser WM besser spielen als bei den letzten Turnieren, weil das System endlich zum Kader passt. Aber der Titel ist zu weit weg — das Halbfinale wäre ein Erfolg, das Viertelfinale das realistische Ziel.
Die Einordnung aller 48 Teams im Favoritenranking finden Sie in meiner Analyse der WM-Mannschaften.