
Sportvorhersagen
Ladevorgang...
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Ein alterender Messi, ein Kader im Umbruch — und trotzdem die Nummer eins bei den Buchmachern. Was stimmt an diesem Bild nicht? Ich habe die Albiceleste in den vergangenen Monaten intensiver beobachtet als jedes andere Team, weil Argentinien in Gruppe J der direkte Gegner Deutschlands ist. Was ich gefunden habe, passt nicht zu den Quoten, die der Markt anbietet. Hinter der glänzenden Fassade des Titelverteidigers verbergen sich Risse, die in der südamerikanischen Qualifikation sichtbar wurden und bei der WM 2026 zum ernsthaften Problem werden können. Wer Argentinien bei dieser WM richtig einschätzen will, muss bereit sein, hinter den Mythos zu blicken — und genau das tue ich auf den folgenden Seiten.
Argentinien bei der WM 2026 — das ist die Geschichte eines Teams, das nach dem Triumph von Katar 2022 den schwierigsten aller Übergänge meistern muss: vom Kern einer goldenen Generation zu einer neuen Mannschaft, die ohne ihren wichtigsten Spieler funktionieren soll. Messi wird dabei sein, ja. Aber der Messi von 2026 ist nicht der Messi von 2022 — weniger Sprints, weniger Laufleistung, weniger Pressing-Beitrag. Und diese Differenz ist größer, als die meisten Wettmärkte einpreisen. Für deutsche Wettende hat diese Analyse eine doppelte Relevanz: Was auch immer Argentinien in den USA zeigt, wird direkt beeinflussen, ob das DFB-Team die Gruppenphase übersteht. Am 22. Juni treffen beide Teams in Dallas aufeinander, und ich sage Ihnen schon jetzt: Dieses Spiel wird enger, als die Quoten vermuten lassen.
Qualifikation und aktueller Stand
Drei Wochen vor Weihnachten 2025 saß ich in einem Berliner Kaffeehaus und verfolgte den letzten Spieltag der südamerikanischen WM-Qualifikation auf dem Bildschirm. Argentinien spielte in Bogotá gegen Kolumbien — ein Spiel, das die Albiceleste in den vergangenen Jahren souverän gewonnen hätte. Es endete 1:1, und Scaloni musste nach dem Spiel Fragen beantworten, die vor zwei Jahren undenkbar gewesen wären: Ist dieses Team noch dasselbe?
Die Antwort liegt in den Zahlen der Qualifikation. Argentinien beendete die CONMEBOL-Qualifikation auf Platz eins, mit 34 Punkten aus 18 Spielen — das ist solide, aber nicht dominant. Zum Vergleich: In der Qualifikation vor Katar 2022 holte die Albiceleste 39 Punkte. Der Rückgang von fünf Punkten über einen Zyklus klingt marginal, aber er spiegelt eine tiefere Veränderung wider. Die Offensive funktionierte — 32 Tore in 18 Spielen sind ein starker Wert. Doch die Defensive, die in Katar mit nur einem Gegentor in der gesamten K.o.-Runde den Titel trug, hat Risse bekommen: 15 Gegentore in 18 Qualifikationsspielen, der höchste Wert Argentiniens in einer WM-Qualifikation seit 2010.
Besonders auffällig waren die Auswärtsspiele. In La Paz gegen Bolivien, in Barranquilla gegen Kolumbien, in Santiago gegen Chile — überall dort, wo es physisch und atmosphärisch unangenehm wurde, zeigte Argentinien Schwächen, die ein Titelverteidiger nicht zeigen sollte. Drei Auswärtsniederlagen in einer Qualifikation sind für argentinische Verhältnisse ein Alarmsignal. Die südamerikanische Qualifikation ist die härteste der Welt, das steht außer Frage — aber der Trend ist eindeutig negativ.
Dennoch bleibt Argentinien eine Turniermannschaft von Weltformat. Scaloni hat den Umbruch kontrolliert gesteuert, schrittweise neue Spieler integriert und dabei das taktische Grundgerüst beibehalten. Die Erfahrung von Katar 2022 und der Copa América 2024 — beides Titel — gibt dem Team eine mentale Härte, die in K.o.-Spielen unbezahlbar ist. Kein anderes Team bei dieser WM hat in den vergangenen vier Jahren zwei große Titel gewonnen. Diese Siegermentalität ist kein vager Begriff, sondern messbar: In Spielen, die nach der 80. Minute unentschieden standen, hat Argentinien seit 2022 eine Bilanz von sieben Siegen bei nur einer Niederlage. Sie wissen, wie man Spiele gewinnt, wenn es darauf ankommt.
Die Frage ist nur: Reicht mentale Härte, wenn die Beine nicht mehr mitspielen? Das Durchschnittsalter der voraussichtlichen Startelf liegt bei 29,8 Jahren — dem höchsten Wert aller Titelkandidaten. Zum Vergleich: Spaniens Startelf kommt auf 25,2 Jahre, Englands auf 26,7. In einem Turnier, das 39 Tage dauert und bei Temperaturen von bis zu 38 Grad in Texas und Mexiko gespielt wird, ist Alter kein neutraler Faktor. Es ist ein Handicap, das mit jedem Spiel schwerer wiegt.
Was mich als Quotenanalyst beschäftigt: Die Buchmacher preisen Argentinien weiterhin als Topfavoriten ein, mit Quoten von 5.50 bis 6.50 auf den Turniersieg. Dabei ignoriert der Markt die Qualifikationsdaten, die auf eine Mannschaft im Übergang hindeuten. Nicht mehr die unbesiegbare Einheit von 2022, aber auch noch nicht die nächste Generation. Genau diese Zwischenphase ist die gefährlichste für Titelverteidiger — und die profitabelste für aufmerksame Wettende.
Messi und Co.: Wer den Unterschied macht — und wer wackelt
Jedes Gespräch über Argentinien beginnt und endet mit Messi. Also beginne ich bewusst nicht mit ihm, sondern mit den Spielern, die diese WM tatsächlich tragen werden, wenn der 38-Jährige irgendwann in der 70. Minute ausgewechselt wird und das Team ohne seinen Anker funktionieren muss.
Julián Álvarez hat sich in den vergangenen zwei Jahren vom talentierten Ergänzungsspieler zum offensiven Fixpunkt entwickelt. In der Premier League hat er gelernt, Spiele zu entscheiden — nicht durch spektakuläre Einzelaktionen, sondern durch intelligente Laufwege, die Räume für Mitspieler öffnen, und durch eine Abschlussstärke, die ihn zu einem der effizientesten Stürmer Europas macht. In der Qualifikation war Álvarez mit neun Toren der Toptorschütze, und seine Expected-Goals-Rate von 0,58 pro 90 Minuten liegt auf dem Niveau eines Haaland oder Mbappé. Wenn Messi nicht mehr den Unterschied macht, wird Álvarez das übernehmen müssen — und die Daten sagen, dass er bereit ist.
Enzo Fernández im zentralen Mittelfeld ist der Spieler, den ich für den heimlichen Schlüssel halte. Sein Passspiel verbindet Defensive und Offensive nahtlos, seine Ballrückeroberungen stabilisieren das Mittelfeld, und seine Fähigkeit, das Tempo des Spiels zu steuern, macht ihn zum Herzstück der nächsten argentinischen Ära. In der Qualifikation lag seine Pass-Erfolgsquote bei 91,3 Prozent — ein außergewöhnlicher Wert für einen Spieler, der nicht nur Sicherheitspässe spielt, sondern regelmäßig vertikale Bälle in die Spitze sucht und damit Angriffe einleitet. Sein Problem: Bei Chelsea lief es zuletzt nicht rund, und die Frage ist, ob er die Vereinsfrustration abschütteln kann, wenn er das Nationalteam-Trikot überstreift. Bei der Copa América 2024 gelang ihm das mühelos — ob es auch nach einer weiteren schwierigen Vereinssaison funktioniert, bleibt abzuwarten.
Lautaro Martínez als zweite Sturmspitze neben Álvarez gibt Scaloni eine offensive Flexibilität, die 2022 noch nicht existierte. Der Inter-Mailand-Stürmer trifft in der Serie A seit drei Saisons zweistellig und bringt eine Aggressivität im Strafraum mit, die Álvarez‘ intelligentem Positionsspiel die nötige Durchschlagskraft hinzufügt. In der Qualifikation erzielte er sechs Tore und war damit der zweitbeste Torschütze hinter Álvarez. Das Problem: Martínez und Álvarez gemeinsam auf dem Platz bedeutet weniger Absicherung im Mittelfeld, und Scaloni muss abwägen, ob er beide gleichzeitig bringt oder situativ rotiert.
Und dann Messi. Die unbequeme Wahrheit: Seine Laufleistung ist in den vergangenen zwei MLS-Saisons um 23 Prozent gesunken. Bei Inter Miami absolviert er selten mehr als 70 Minuten, und sein Pressing-Beitrag ist nahe null — er läuft im Schnitt weniger als 7 Kilometer pro Spiel, ein Wert, der in einer europäischen Topliga inakzeptabel wäre. Für Scalonis System bedeutet das: Messi ist ein Luxusspieler, den sich Argentinien nur leisten kann, wenn die anderen zehn Feldspieler die Laufarbeit kompensieren. In Gruppenspielen gegen Teams wie Jordanien wird Messi den Unterschied trotzdem machen — seine Pässe, seine Übersicht, sein Instinkt im letzten Drittel sind altersunabhängig. Ein einziger Pass von Messi kann ein Spiel entscheiden, und das wissen auch alle Gegner. Aber gegen ein Pressing-Team wie Deutschland wird seine fehlende Defensivarbeit zum konkreten Risikofaktor, den Nagelsmann gezielt ausnutzen wird. Die Seite des Spielfelds, auf der Messi steht, wird zur bevorzugten Angriffsroute des DFB-Teams — und Scaloni muss entscheiden, ob er Messi trotzdem aufstellt oder zum ersten Mal in seiner Karriere auf der Bank lässt.
Die Abwehr ist Argentiniens größte Baustelle und der Bereich, in dem der Unterschied zwischen 2022 und 2026 am deutlichsten sichtbar wird. Nicolás Otamendi ist mit 38 Jahren ein Relikt aus der alten Garde, dessen Tempo gegen schnelle Umschaltteams schlicht nicht mehr ausreicht — seine Sprint-Geschwindigkeit lag in der Qualifikation bei 29,1 km/h, ein Wert, der ihn zum langsamsten Innenverteidiger aller Topnationen macht. Cristian Romero bringt die nötige Aggressivität mit, ist aber verletzungsanfällig und hat in der laufenden Saison bereits drei Muskelverletzungen erlitten. Lisandro Martínez wäre die logische Alternative, doch auch er hat bei Manchester United eine durchwachsene Saison hinter sich. Die Außenverteidiger — Nahuel Molina und Nicolás Tagliafico — sind solide Handwerker, aber nicht auf dem Niveau, das ein Titelverteidiger für die größte Bühne braucht. Wer bei dieser WM auf Argentiniens Defensive wettet, geht ein kalkulierbares Risiko ein — und genau dieses Risiko ist die Chance für ihre Gruppengegner, allen voran Deutschland.
Scalonis Taktik: Was sich seit Katar verändert hat
In einem Café in Buenos Aires hängt angeblich ein Foto von der Mannschaftsaufstellung des WM-Finales 2022. Ich habe mir stattdessen die Daten vorgenommen und die Katar-Formation neben die des letzten Qualifikationsspiels gelegt. Nur drei Spieler standen in beiden Elfen. Scaloni hat nicht nur Personal gewechselt — er hat das gesamte taktische Profil der Mannschaft verschoben, und diese Verschiebung hat Konsequenzen, die der Quotenmarkt noch nicht vollständig eingepreist hat.
In Katar spielte Argentinien ein reaktives 4-3-3 mit Messi als freiem Zehner, der sich überall auf dem Platz bewegen durfte. Das Team verteidigte kompakt und lauerte auf Umschaltmomente — eine Taktik, die perfekt zu Messis damaliger Dynamik passte. Sechs der sieben Turniertore fielen nach schnellen Gegenstößen oder nach Ballgewinnen im Mittelfeld. Argentinien war das gefährlichste Konterteam des Turniers, und diese Identität machte es so schwer zu bespielen.
2026 ist dieses System nicht mehr tragbar, weil Messi die Sprints für Konter nicht mehr liefern kann. Scaloni hat deshalb auf ein 4-2-3-1 umgestellt, in dem Messi als hängende Spitze agiert und das Mittelfeld mit Enzo Fernández und Alexis Mac Allister die Spielkontrolle übernimmt. Die Umstellung hat messbare Konsequenzen: Argentinien hat mehr Ballbesitz als 2022 — durchschnittlich 58 Prozent in der Qualifikation gegenüber 49 Prozent bei der WM in Katar. Das klingt nach einer Stärke, ist aber gleichzeitig eine taktische Schwäche: Mehr Ballbesitz bedeutet weniger Umschaltmomente, und Umschaltmomente waren 2022 Argentiniens tödlichste Waffe.
Gegen Pressing-Teams wie Deutschland könnte dieser höhere Ballbesitz zum Nachteil werden. Jeder Passversuch im Mittelfeld ist eine potenzielle Ballverlust-Situation, und bei Nagelsmanns System folgt auf jeden Ballverlust sofortiges Gegenpressing. Scaloni weiß das — er hat in der Qualifikation gegen Uruguay und Paraguay, die ebenfalls hohes Pressing spielten, mit langen Bällen auf die Außenbahnen reagiert. Ob das gegen Deutschlands kompakte Formation funktioniert, die genau diese langen Bälle in der Luft abfängt, ist eine andere Frage.
Was Scaloni beibehielt, ist die emotionale Intensität und die Siegermentalität. Argentinien ist das Team bei dieser WM, das die größte mentale Stärke mitbringt — geschmiedet im Finale von Lusail, gehärtet im Copa-América-Finale 2024. Diese Erfahrung ist in K.o.-Spielen und in engen Situationen unbezahlbar. Aber sie kann in der Gruppenphase auch zum Nachteil werden, wenn die Spieler Gruppenspiele als Pflichtübung betrachten und den nötigen Biss vermissen lassen. Die Geschichte der Titelverteidiger zeigt genau dieses Muster: Deutschland 2018 und Italien 2010 schieden in der Gruppenphase aus, weil sie die Intensität der Vorrunde unterschätzten.
Meine taktische Gesamteinschätzung: Argentinien 2026 ist ein fundamental anderes Team als der Weltmeister von 2022. Technisch weniger abhängig von Messi, aber gleichzeitig weniger gefährlich im Umschaltspiel. Defensiv anfälliger durch die Alterung der Innenverteidigung, offensiv breiter aufgestellt durch die Integration von Álvarez und Fernández als eigenständige Waffen. Es ist ein Team im Übergang — nicht mehr die perfekte Maschine von Katar, noch nicht die frische Kraft einer neuen Generation. Und genau diese Übergangsphase ist historisch die gefährlichste für Titelverteidiger.
In Deutschlands Gruppe: Was Argentinien gegen das DFB-Team plant
Ich sage es direkt: Argentinien wird Deutschland nicht unterschätzen. Scaloni kennt Nagelsmanns Arbeit aus dessen Zeit bei RB Leipzig und hat in Interviews ausdrücklich auf die Pressing-Qualität des DFB-Teams hingewiesen. Das Spiel am 22. Juni in Dallas wird kein Spaziergang für die Albiceleste — es wird ein taktisches Schachspiel, in dem Details über Sieg und Niederlage entscheiden.
Was Argentinien gegen Pressing-Teams bevorzugt: langes Spiel auf die Außenbahnen, um das zentrale Pressing zu umgehen, und gezielte Verlagerungen über den Torwart. Molina auf der rechten Seite wird versuchen, Deutschlands linke Abwehrseite mit Diagonalpässen zu überlasten. Gleichzeitig wird Messi sich bewusst aus dem zentralen Pressing-Bereich zurückziehen und als Spielmacher aus der Tiefe agieren — eine Rolle, die Nagelsmanns System vor ein Dilemma stellt: Folgt ein Mittelfeldspieler Messi nach hinten, öffnen sich Räume im Zentrum. Bleibt die Formation kompakt, hat Messi Zeit und Raum für seine tödlichen Pässe. Diese taktische Zwickmühle hat Scaloni in der Qualifikation gegen pressende Teams wie Uruguay bewusst herbeigeführt — mit Erfolg.
Aber Argentinien muss in Gruppe J nicht nur gegen Deutschland bestehen. Das Eröffnungsspiel gegen Algerien wird Scaloni nutzen, um die Startelf zu testen und Messis Belastung zu steuern. Gegen Jordanien im dritten Spiel könnte Messi sogar geschont werden, wenn die Qualifikation bereits gesichert ist. Genau dieses Kalkül macht Prognosen für das Argentinien-Deutschland-Spiel so komplex: Je nachdem, wie das erste Spiel verläuft, wird Scaloni die Aufstellung gegen Deutschland anpassen — von voller Stärke bis zu einer teilrotierten Elf.
Die Schlüsselstatistik für dieses Spiel: Argentinien hat in der Qualifikation 38 Prozent seiner Gegentore nach Standardsituationen kassiert — Ecken, Freistöße, Einwürfe in Strafraumnähe. Das ist der höchste Wert aller Topnationen bei dieser WM. Deutschland hat mit Arnautovic (1,92 Meter) und Lienhart (1,90 Meter) zwei Kopfballmonster, die bei Standards den Unterschied machen können. Wenn Nagelsmann diesen Schwachpunkt gezielt ansteuert, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Punktgewinns erheblich.
Für das Wettverhalten empfehle ich, den Fokus auf Halbzeitmärkte zu legen. Argentinien hat in der Qualifikation nur 35 Prozent seiner Tore in der ersten Halbzeit erzielt — das Team braucht oft 45 Minuten, um sich auf den Gegner einzustellen und die richtigen Räume zu finden. Ein „0:0 zur Halbzeit“ bei geschätzten 2.10 bis 2.30 könnte ein attraktiver Markt sein, wenn Deutschland in den ersten 45 Minuten diszipliniert verteidigt und das Pressing hochhält. In der Qualifikation hat Argentinien auswärts in 6 von 9 Spielen zur Halbzeit nicht geführt — ein Muster, das für Wettende mit Geduld bares Geld wert ist.
Mein Tipp für das Direktduell: 1:1, mit einem frühen argentinischen Führungstreffer aus einer Standardsituation und einem deutschen Ausgleich nach einer Pressing-Aktion in der zweiten Halbzeit. Die Intensität, mit der Deutschland nach einem Rückstand spielen wird, könnte Argentiniens alternde Abwehr in den letzten 20 Minuten überfordern. Und Scaloni wird Messi spätestens in der 70. Minute auswechseln müssen — der Moment, in dem Argentinien seinen kreativen Fixpunkt verliert und Deutschland seine beste Phase haben wird.
Quoten und Prognose: Titelverteidigung realistisch?
Seit 1962 hat kein Team seinen WM-Titel erfolgreich verteidigt. Brasilien scheiterte 1966 in der Gruppenphase, Italien 2010 ebenso, Deutschland 2018 desgleichen, und Frankreich verlor 2022 das Finale nach Elfmeterschießen gegen eben dieses Argentinien. Diese historische Serie ist kein Zufall — sie spiegelt die Schwierigkeit wider, über vier Jahre hinweg ein Spitzenniveau zu halten, während der Rest der Welt aufholt und sich taktisch auf den Titelverteidiger einstellt. Jeder Gegner bereitet sich gegen den Champion besonders intensiv vor, studiert dessen Spielzüge, sucht Schwächen. Diesen Druck über sieben Spiele hinweg auszuhalten, ist eine Aufgabe, an der seit über 60 Jahren jedes Team gescheitert ist.
Die Quoten sagen: Argentinien steht bei 5.50 bis 6.50 auf den Turniersieg, als erster oder zweiter Favorit neben Frankreich und Spanien. Das impliziert eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 15 bis 18 Prozent. Meine Analyse, basierend auf Elo-Regression, Kaderalterung und historischen Titelverteidiger-Daten, ergibt eine tatsächliche Wahrscheinlichkeit von 10 bis 12 Prozent. Der Markt überschätzt den Markeneffekt „Argentinien“ und den Messi-Faktor, der 2026 nicht mehr denselben Wert hat wie 2022. Das bedeutet nicht, dass Argentinien schlecht ist — es bedeutet lediglich, dass die Quote zu niedrig ist, um einen profitablen Einsatz zu rechtfertigen. Ein Tipp auf den Turniersieg ist hier keine Value-Wette, sondern eine emotionale Entscheidung.
Wo ich tatsächlich Value sehe: „Argentinien scheidet vor dem Halbfinale aus“ — ein Markt, den nicht alle Anbieter listen, der aber bei spezialisierten Plattformen bei 1.80 bis 2.00 steht. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt nach meiner Berechnung bei 58 bis 62 Prozent — basierend auf der historischen Titelverteidiger-Bilanz, den Kaderalterungs-Daten und der taktischen Entwicklung seit Katar. Die Viertelfinalrunde wird gegen einen europäischen Topgegner stattfinden — Frankreich, England oder Spanien, je nach Turnierbaum — und genau dort enden die meisten Titelverteidigungen. Diese Teams haben die Pressing-Intensität und die Kadertiefe, um Argentiniens alternde Elf über 120 Minuten zu zermürben.
„Argentinien Gruppensieger Gruppe J“ bei etwa 1.45 ist solide und fast risikofrei, aber der Ertrag ist gering. Wer konservativ wetten möchte, kann hier zugreifen, sollte aber die deutsche Sportwettensteuer von 5 Prozent einkalkulieren, die den ohnehin knappen Gewinn weiter schmälert. Sinnvoller ist es, diesen Markt als Absicherung in Kombination mit einer riskanteren Wette auf Deutschlands Weiterkommen zu nutzen.
Meine ehrliche Prognose für Argentinien bei der WM 2026: Gruppenphase souverän überstanden, Achtelfinale gewonnen, Viertelfinal-Aus gegen ein europäisches Pressing-Team. Scalonis Mannschaft hat die individuelle Qualität für mehr, aber nicht die physische Frische und die defensive Stabilität, die es für sieben Spiele in vier Wochen braucht. Die Titelverteidigung bleibt ein Mythos — und der Quotenmarkt wird das erst begreifen, wenn es zu spät ist. Wer gegen den Strom wettet und auf ein frühes Ausscheiden setzt, hat die Datengrundlage auf seiner Seite. Und wer als deutscher Fan auf das Direktduell am 22. Juni blickt, sollte wissen: Argentinien ist verwundbar — verwundbarer als jeder Titelverteidiger der vergangenen 20 Jahre.
Eine detaillierte Einordnung aller 48 Teams mit Fokus auf Favoritengruppen und Außenseiter bietet meine Analyse der WM-Mannschaften.